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22.12.2018
Moisonturm
Frankfurt am Main













 

Eva Andrades

Auszug aus dem Text: „Sommerurlaub“

 

Wann sind wir da? 

Ich kann heute nur erahnen, wie oft wir unseren Eltern diese Frage gestellt haben auf dem langen Weg vom Sauerland nach Andalusien. Zweitausendsechshundert Kilometer sind es von Kierspe bis Chiclana de la Frontera. Jedes Jahr aufs Neue brachen wir in den Sommerferien in die Heimatstadt unserer Eltern auf, manchmal für sechs, manchmal für acht Wochen. In die Stadt am Atlantik, in der Nähe von Cádiz, die sie vor vielen Jahren verlassen hatten, um als Gastarbeiter nach Deutschland zu gehen. Und wie jedes Jahr fuhren wir in einem zum Bersten bepackten VW-Kombi. Der heilige Christophorus begleitete uns sichtbar in Form eines Medaillons, das an der Armatur klebte. Er sollte uns vor Unfällen schützen, erzählten uns unsere Eltern. Die Rücksitze wurden zurückgeklappt, und unsere Eltern machten ein Schlafgemach für uns, so dass wir, wenn wir im Morgengrauen losfuhren, einfach weiterschlafen konnten. Ich wundere mich noch heute, wie lässig sich meine Eltern über die Anschnallpflicht hinweggesetzt haben. Wir hatten es zumindest sehr gemütlich dort hinten. Unter uns, neben uns und in jeder verfügbaren Ritze hatten meine Eltern etwas verstaut, abgesehen davon, dass wir natürlich einen Gepäckträger hatten. Auf der Fahrt in den Süden sah ich viele solcher Autos. Vollbepackt und mit einer Familie, die sich sehnsüchtig auf den Weg in die Heimat machte. Spanier wie wir, aber auch viele Marokkaner aus Frankreich die in Algeciras die Fähre nahmen. Irgendwann – wahrscheinlich noch bevor wir die deutsch-französische Grenze erreicht hatten, brach bei uns Kindern die Ungeduld aus. 

Wann sind wir da?

Ich konnte es kaum erwarten, endlich anzukommen, und das war immer der schönste Moment – von weitem das Meer zu sehen und zu wissen, gleich spring ich rein. Aber wir waren noch weit entfernt. Zunehmend veränderte sich die Landschaft, und statt Tannen sah ich Pinien, und irgendwann, wenn die ersten Palmen erschienen, da wusste ich, wir sind schon weit weg von Deutschland.

 

 

Ferda Ataman

Auszug auf dem Text: „Meine Kindheit in Nürünberg“

 

Als ich drei Jahre alt war, haben meine Eltern sich scheiden lassen, mit großem Drama und vielen Richtern, am Ende bin ich als Einzelkind mit meiner Mutter zurück geblieben. Meine Schwester wurde zum Kofferkind und lebte viele Jahre in der Türkei.
  

Meine Mutter und mich hatte es 1983 nach Nürnberg verschlagen, oder Nürünberg, wie wir Türken unsere Stadt nennen. Der Ort, an dem ich sozialisiert wurde, heißt Plärrer – im Volksmund BLÄRRÄ und bei uns – weil Türken sich schwer tun, zwei Konsonanten hintereinander auszusprechen – Pilari. Mein bewusstes Leben in der „fränkischen Metropole“ begann mit vier Jahren. Und bis ich 18 Jahre später wegzog, fiel es mir schwer, mich von der imposanten Persönlichkeit meiner Mutter zu emanzipieren. 

Mit ihr waren wir immer „anders“: 

    ·    anders als andere Türken (wir trennten Müll), 

    ·    anders als andere Familien (wir waren zu zweit), 

    ·    und anders als andere Frauen (selbstbestimmt und unabhängig). 

Meine Schulbrote musste ich mir selbst schmieren und meine Mutter, die zwei Jobs hatte, kochte Sonntags einen riesigen Eintopf, den ich solange essen musste, bis er alle war – was praktisch nie vorkam – oder schlecht wurde. 

Und als wäre das nicht schon hart genug, erzog sie mich zu einem frühpolitischen Kind. Ich wuchs auf Demonstrationen auf. 

Meine Freunde waren oft Erwachsene, links-alternative Grüne, marxistische Kurden und sozialistische Türken, die aus politischen Gründen aus ihrer Heimat geflohen waren. Ich trug Wollpullis stack Micky Mouse-Shirts und musste Gemüse essen statt Fischstäbchen. 

Erst Jahre später, in Berlin, habe ich erkannt, wie sehr mich diese Kindheit geprägt hat und welche Chancen meine Mutter Hülya mir eröffnet, die andere Kinder aus meinem Viertel nicht hatten. 

Damit Sie sie sich vorstellen können, will ich zwei Geschichten erzählen, denen ich beiwohnen durfte. 

Meine Einschulung 1986 begann mit einem kleinen Eklat. Meine ständig unter Strom stehende Mutter machte gerade ihren Jahreshausputz und wischte die Fenster, als sie plötzlich bemerkte, dass der Termin zur Anmeldung in der Grundschule schon an diesem Nachmittag ablief. Den durfte sie unter keinen Umständen verpassen, sie hatte sich so bemüht, mich umzumelden, damit ich nicht in die Gettoschule ums Ecke komme. 

  

 

Çiçek Bacik

Auszug aus dem Text: „Der rote Traktor“

 

Neun Jahre lang rührte sich gar nichts; Anfang der 1970er Jahre reichte er ein Gesuch beim Anwerbebüro ein, um nach dem Stand seiner Bewerbung zu fragen. In einem Brief wurde ihm mitgeteilt, dass noch 9.000 Personen vor ihm waren. Als er die Hoffnung aufgegeben hatte, erhielt er einen weiteren Brief mit dem Termin, zu dem er sich wieder in Istanbul einzufinden hatte. Der Termin war bereits am Vortag verstrichen. Ibrahim vermutet, dass ihm die Einladung von der Post später überreicht wurde, weil er in einem alevitischen Dorf lebte, das den mehrheitlich sunnitisch geprägten Bewohnern Tokats und seiner Provinzen ein Dorn im Augen war.

Er machte sich trotzdem auf den Weg und schlug zwei Tage nach seinem offiziellen Termin im Istanbuler Anwerbebüro auf. Er stand nun vor einem viergeschossigen grauen Gebäude in Topkapı. Sein Herz raste als er es betrat. In der Wartehalle begegnete er zahlreichen jüngeren Männern und Frauen, die zur Gesundheitsprüfung dort erschienen waren. Einige gingen im Gang auf und ab. Andere saßen mit angespanntem Gesicht auf der Bank. Andere rauchten vor Nervosität vor dem Gebäude. In der Halle herrschte eine große Unruhe.

Einer Beamtin schilderte er seine Situation und erzählte ihr, dass er die Benachrichtigung später erhalten habe. Die Dame im Anwerbebüro beauftragte ihn, schnell eine Briefmarke zu besorgen: „Sobald ein Platz hier frei wird, wirst Du berücksichtigt!“ Da Ibrahim das Vertrauen an seine Provinzstadt Almus verloren hatte, hinterließ er diesmal im Anwerbebüro die Adresse seines Bruders, der inzwischen nach Istanbul gezogen war. Nach 45 Tagen erhielt er einen Brief, in dem er zu einer Gesundheitsprüfung eingeladen wurde. Zahlreiche andere junge Männer und Frauen warteten in der Halle darauf, sich einer Gesundheitsprüfung zu unterziehen. Er wartete zwei Stunden, bis er aufgerufen wurde. Als er den Raum betrat, fiel sein Blick auf ein Poster an der Wand, auf dem ein roter Massey Ferguson abgebildet war. „Wenn ich nach Deutschland gehe, werde ich einen roten Traktor kaufen!“ sagte er sich.

Die Worte eines Mannes im weißen Kittel rissen ihn aus seinem Tagtraum. Ein Arzt mit grauen Haaren blickte ihn durch eine quadratisch geformte Brille streng an: „Elbiselerinizin hepsini çıkartın!“ – „Ziehen sie alle ihre Kleidung aus!“. Er tastete seinen gesamten Körper ab, untersuchte seine Augen, Ohren, seine Zähne. Auch eine Urinprobe musste er abliefern. Einige Männer, die zur Urinprobe gerufen wurden, waren vor Aufregung nicht in der Lage, Harn abzudrücken. Die Ergebnisse der ersten Röntgenaufnahme, die an einem Freitag gemacht wurde, versetzen Ibrahim einen Schreck:

„Tut uns sehr leid. Ihre Untersuchungsergebnisse waren nicht in Ordnung.“ Am nächsten Montag sollte er ein zweites Mal geröntgt werden. Er hielt inne: „Oh weh! Ich werde wohl nicht nach Deutschland gehen können und obendrauf bin ich auch noch krank...wie soll ich mich bloß behandeln lassen???“

Am Montag darauf wurde  er mit weiteren 24 Männern ein zweites Mal geröntgt: Einigen starken robusten Männern, die in der Lage waren, ihn auf einem Zahn zu tragen, sagten sie: „Nein, Sie können nicht nach Deutschland!“

Manch anderen antworteten sie: „Kommen sie nach drei Monaten wieder!“ oder „Kommen sie nach sechs Monaten wieder!“ Als letzter kam er an die Reihe. Ein Beamter schlug ein Buch auf und forderte ihn auf, einen Satz daraus zu lesen: „Ben bu ülkeden gidiyorum!“  - „Ich verlasse dieses Land!“

Er zitterte vor dem Ergebnis bis ihm die Ärztin mitteilte: „Bunun işi tamam.

Bunu aşağı sevk edin.“ - „Der ist ok. Schicken Sie ihn nach unten.“ Ibrahim war glücklich und zugleich erleichtert. Wenn sie ihn nach Deutschland ließen, konnte an seiner Gesundheit nichts Ernsthaftes auszusetzen sein.

 

 

Rosaria Chirico

Auszug aus dem Kapitel „Sprache“ aus dem Memoir „In vier

Jahren“

 

Das Lieblingswort meines Vaters lautete „wiesowieso“. Und obwohl er fast 50 Jahre in Deutschland lebte, schien es ihn niemals zu stören, dass alle anderen außer ihm „sowieso“ sagten, wenn sie „wiesowieso“ meinten. Wiesowieso versteh ich alles, wiesowieso wir alle kleine Wurmer, so oder so, wir dann tod, Wort egal.“ Meine Mutter hingegen spricht ein nahezu perfektes Deutsch. Sie gibt sich Mühe bei der richtigen Wortwahl, nur die Sache mit den Üs und Ös wird ihr wohl niemals richtig

gelingen.

 

Wenn man die beiden reden hörte, hätte man nicht vermutet, dass sie die gleiche Geschichte teilten. Haben sie auch nicht. Immerhin hat mein Vater von den fast 50 Jahren wiesowieso die Hälfte am Fließband verbracht und dort

„wiesowieso reden verboten, Maschinen zu laut, Vorarbeiter Idiot, Kollegen Türken, Griechen, Spanier, usw. nix Deutsch“. Meine Mutter hatte stattdessen immer deutsche Kolleginnen, sogar beim Putzen und vor allem später beim Nähen in schicken Düsseldorfer Boutiquen und als Verkäuferin. Als wir noch zusammen lebten sprachen wir Zuhause ein Mischmasch aus Deutsch und Italienisch: „Chi ha visto la mia weiße Hose?“* „Wann gehen wir fare la spesa?“*

Wir merkten es nur, wenn Freunde zu Besuch waren und diese plötzlich anfingen zu lachen. Unsere Familiensprache war Italienisch. Die Sprache meiner

Eltern war ihr Dialekt aus Montmesola. Meine Schwester und ich redeten Deutsch miteinander. In Montemesola spricht man Montemesolino. In Grottaglie,

das nur fünf Kilometer entfernt liegt, spricht man Grottagliese. Jedes noch so kleine Dorf hat seinen eigenen Dialekt. Man erkennt sie an ihren deutlich unterschiedlichen Klängen. Man ist stolz auf seinen Dialekt, pflegt ihn. Witze erzählt man sich selbstverständlich im Dialekt, denn so kommen die Pointen besser. Ebenso die sogenannten „fatti“, die wahren Begebenheiten, die bis ins kleinste Detail ausgeschmückt werden. Wenn man einem nach Norditalien Ausgewanderten einen Seitenhieb geben möchte, weil er ein gestelztes

Hochitalienisch statt Dialekt spricht, sagt man: „Ma parle come t’ha fatte mammete“. Sprich doch wie deine Mutter dich gemacht hat.

Dialekt ist identitätsstiftend, mehr als alles andere.

Meine Eltern haben ihn nie mit uns gesprochen. Ich schätze sie meinten es gut mit uns. Viele andere italienische Kinder aus Sizilien, Kalabrien und Apulien, mit denen ich in eine bilinguale Grundschule ging, konnten nur Dialekt

und hätten in Italien definitiv eine brutta figura gemacht.

 

„A chi appartieni? Zu wem gehörst du?“ wird man in Montemesola gefragt, wenn man auf Unbekannte trifft. Es ist völlig unwichtig, wie du heißt, was du beruflich machst und wo du lebst. Anhand der Zugehörigkeit erkennt derMontemesolino, ob du einer „buona razza“ oder einer „brutta razza“ abstammst. Wiesowieso kannst du nix machen. Es fiel mir immer schwer, mich zu erklären, wenn ich danach gefragt wurde, denn diese Erklärungen hätten auf Dialekt erfolgen müssen, allein schon um die Beinamen der Großväter und Großmütter phonetisch einigermaßen sauber rüber zubringen. Ich hätte sagen müssen, dass ich die Tochter von „Giuann u vuddich“, Giovanni der Bauchnabel bin, der in Deutschland lebt, Sohn von „Santudde u vuddiche“. Mein Opa hieß angeblich so, weil ihm einmal ein Weizenkorn in den Bauchnabel gefallen war. Ich konnte nie glauben, dass das

der wahre Grund dafür sein sollte und tatsächlich verriet mir mein älterer Cousin einmal hinter vorgehaltener Hand, es könnte auch mit seiner Körpergröße zusammenhängen. Denn nonno war klein, viel kleiner als nonna. Andererseits hießen andere im Dorf Damm nu sold (Gib mir Geld), Pisciaredd (Pippimann), Pisciaredd salat (salziger Pippimann), Trentapil (dreißig Härchen) oder einfach nur

Trentatré (dreiundreißig). Und nicht immer gab es dazu eine logische Begründung. Ich war vielleicht sieben oder acht Jahre alt, als ich ganz bewusst und voller Schrecken erkannte, dass ich nicht nur keinen Dialekt, sondern sogar weder richtig Deutsch noch italienisch konnte. Es war der Moment als unsere Deutschlehrerin, die es gewohnt war mit der italienischen Gastarbeiterkinder-Klasse zu sprechen, erkrankt war und eine andere Deutsch-Lehrerin aus den deutschen Regelklassen, sie vertrat. Sie kam rein, redete drauflos und ich verstand wirklich kein einziges Wort.

 

Es war als würde etwas in mir zerbrechen. Die Erkenntnis des Nicht-Könnens schuf eine tiefe Schlucht zwischen mir und dem Rest der Welt. Ich bewunderte fortan die Fähigkeit von Menschen, sich gut auszudrücken. Das war etwas, was ich

nicht wirklich kannte, aber erkannte. Das war etwas, was ich lernen wollte. Musste. Ich musste die Sprachen beherrschen lernen und wie von einem gut  sortiertem Kühlschrank ganz genau wissen, wo alles steht, wenn ich

etwas brauchte. Wir waren aber keine Familie der Worte. Es ging um das Wesentliche: Einkaufen, Essen, Aufräumen, Arbeiten, Putzen, Schlafen, Aufstehen, Einkaufen, Essen, Arbeiten usw. Papa ging in Montemesola genau vier Jahre zur Grundschule. Erst in Düsseldorf holte er in den 1980er-Jahren seinen italienischen Schulabschluss nach. Meine Schwester und ich fanden es lustig, dass er genauso wie wir Hausaufgaben machen musste. Ich schätze, es war nicht leicht für ihn nach der monotonen Arbeit am Fließband in den Unterricht zu gehen, nach fast dreißig Jahren Schulabstinenz. Meine Großeltern waren allesamt Analphabeten und Nonna, Papas Mutter, hatte erst als Sechzigjährige Lesen gelernt.

 

 

Abdulvahap Çilhüseyin

 

Auszug aus der Autobiographie: „Eine türkische Geschichte“

 

 

Im Jahre 1932, vermutlich im Sommer kam Saliha Kartag, als eine von 5 Geschwistern in Zentral- Anatolien, nahe der Stadt Sivas in einem kleinen Dorf namens Osmus-Köy zur Welt. Den genauen Monat weiß keiner so genau. Ihre Mutter brachte Sie unter einem großen Lindenbaum auf die Welt, der viel Schatten spendete. Unter der heißen Sonne am Feldrand. Sie wuchs auf dem Land auf, auf dem Bauernhof Ihrer Eltern und als Sie schon 5 Jahre war, ging Sie nur bis zur 3.Klasse in die Schule, da Sie auf dem Acker als Arbeitskraft in der Familie mehr gebraucht wurde. Es gab nur eine Grundschule, und die war im nächsten Dorf, wofür Sie bei Wind und Wetter jeden Morgen hin und zurück 2 Stunden Fußweg hinnahm. Aber Sie war ein kluges Mädchen und ging gern zur Schule und war sehr traurig, als Sie mit 10 Jahren nicht mehr hindurfte. Sie hatte sich mit Nachbars Tochter Mine so gut verstanden und nicht nur dass Sie immer zusammen diesen Schulweg liefen. Mines Eltern wollten dass Ihre Tochter in die Schule geht, lernt und später einmal etwas wird. Sie unterstützten Ihre Tochter so gut es ging dabei. Deswegen beneidete Saliha Mine auch, dass Sie weiterhin zur Schule gehen durfte und Saliha nicht mehr. Salihas Vater hielt nicht sehr viel davon Mädchen in die Schule zu schicken. Saliha musste Sie jeden Morgen sehr früh aufstehen, bevor die Sonne aufging und musste die Tiere im Stall versorgen, Kühe melken und dann den ganzen Tag auf dem Acker mithelfen. Zu Hause wurde Sie schon sehr früh in die Hausarbeit miteinbezogen und war Mutters rechte Hand. Wenn Sie vom Feld kam, ging Sie immer zu dem Lindenbaum, unter dem Sie geboren wurde. Sie setzte sich unter diesem Baum und hielt inne. Er spendete Ihr Schatten und Sie tankte irgendwie Kraft. Die Größe des Baumes, der dicke Baumstamm und auch die großen Zweige bewunderte Saliha immer aufs Neue.

 

 

Serkan Deniz

Auszug aus dem Text: „Familienlegende“

 

Am 27. Mai 2002, morgens, kam der befürchtete Anruf. Als hätte ich es geahnt, war ich in der Nacht mit Freunden unterwegs gewesen. Flucht. Ich kam ein paar Minuten nach diesem Anruf nach Hause.

Er hatte ALS, und ihm sollte eine Magensonde implantiert werden. Pfingstwochenende. Die Ärzte wollten bis Montag warten. Was an dem Wochenende folgte, war Herzstillstand als Folge eines Atemstillstands, Wiederbelebung durch einen Pfleger, Gehirnschaden, acht Tage Intensivstation, weiße Flagge am besagten Morgen. Die Maschinen wurden ausgeschaltet. Meine Mutter schaute mich vorwurfsvoll an …

»Sag mir wenigstens jetzt, dass du mich lieb hast« wehrte ich mich …

Fangen wir mal von vorne an, bevor ihr denkt, dass jetzt ein arabesques Melodrama serviert wird. Nein, die Liebesgeschichte meiner Eltern ist nicht aus einem Sony-Leaks-Drehbuch oder aus einem Schiller-Drama geklaut, sondern wahr …

 

I. Akt

Sie hatten gemeinsame Verwandte. Der Opa meiner Mama mütterlicherseits war der Onkel meines Vaters mütterlicherseits. Papas Mutter war die Tante der Mutter meiner Mutter väterlicherseits. Verwirrt? Merkt euch einfach nur, meine Eltern waren über einige Ecken verwandt.

Meine Mama war eine kleine, hübsche, dürre junge Frau, die aus finanziellen und vor allem «moralischen« Gründen nach fünf Jahren Grundschule nicht mehr zur Schule gehen durfte. Unter anderem hatte sie aber in einem Nachmittagskurs das Teppichflechten gelernt und war sehr tüchtig. Mein Papa war ein gutgebauter und -aussehender junger Mann, sehr heiß begehrt unter den allesamt «tugendhaften« Mädels im Dorf – und, wie ich oft hörte, ließ er als Natur- und Küchenliebhaber nichts anbrennen.

 

 

Snjezena Petrovic

Aus dem Text: Muttertag – nije da te ne volim 

 

Liebe (deutsche) Mama,

dir diesen Brief zu schreiben, fällt mir schwer. Ich starre auf eine leere Seite, die sich wie ein Verrat anfühlen wird, wenn sie beschriftet ist.

Du warst immer für mich da, von Anfang an. Seit 1978, als ich als Frühchen mit weniger als 1900 Gramm auf die Welt kam. Du hast dafür gesorgt, dass ich die beste Versorgung erhalte und es in dieses Leben schaffe. Du hast dem Hubschrauber zugesehen, der mich in eine bessere Klinik brachte, du hast am Brutkasten gewacht und mich nach zwei Monaten stolz in mein neues Heim getragen, wie eine kleine Trophäe.

Du bist eine der Mütter, die man sich wünscht, die man für selbstverständlich nimmt als Kind, erst später sieht man, dass man das große Los gezogen hat. Dass nicht jede Mutter die aufgeschürften Knie verarztet, sondern vielleicht sagt: Stell dich nicht so an!

Nicht jede schnitzt aus Radieschen kleine Mäuse oder malt ein lachendes Gesicht aus Ketchup auf den Teller. So viele haben nicht das Privileg, in einem sauberen Haus aufzuwachsen, in einem eigenen Zimmer und mit dem Butterbrot in der Schultasche, das du liebevoll geschmiert hast.

Ich weiß noch, als ich Masern hatte, du hast gesagt, die bekommen nur Kinder, die Gott sehr liebt und dass jeder Punkt ein Kuss vom lieben Gott ist und weil dieser so mächtig ist, brennen seine Küsse wie ein inbrünstiges Feuer. 

»Wenn du dich kratzt, werden die Engel böse und verpfeifen dich«, sagtest du, und ich habe es ausgehalten, voller Gewissheit, dass ich sicher bin bei dir und dass du es am besten weißt.

Dank deiner Hilfe habe ich es auf das Gymnasium geschafft, habe die Namen griechischer Götter gelernt, Latein und Französisch, und wenn ich mal schlechte Noten nach Hause brachte, hast du die Nachhilfe organisiert und bezahlt. Ich habe alle Erwartungen erfüllt, mich integriert in dieses System, ohne Ärger zu machen oder negativ aufzufallen, so wie du es immer wolltest.

Eigentlich bist du alles, was ein Kind braucht, um stabil und gewappnet in die Wogen des Lebens zu segeln. Bei dir hatte ich keine Angst. Erst bei dir habe ich gelernt, wie Dinge richtig gemacht werden. Du hast mir Werte mitgegeben, mit mir Plätzchen gebacken und mir mein erstes Dirndl gekauft. Auf allen alten Fotos blickt mich ein fesch geschniegeltes, zufriedenes, sauber gekleidetes und behütetes Kind an.

Und genau darin liegt mein Problem. Ich war stets zufrieden. Es gab so wenige Momente, in denen ich wirklich glücklich war. Du hast dein Bestes getan, aber es war nie genug. Habe ich in den Windungen meines Gehirns, in den Synapsen meiner Mnestik zu lange verdrängt, dass du mich nicht geboren hast? Ich wollte mich anpassen und so sein wie du, wie deine Familie, deren Blut nicht in mir fließt. Habe ich mein Spiegelbild verzerrt wahrgenommen? Nicht wahrhaben wollen, dass mein Haar dunkler ist als deines, dass die Linien meines Gesichts nicht den Mäanderfalten des deinigen gleichen? 

 

 

Nusrat Sheikh 

Auszug aus dem Text: Exzerpte aus meinem Leben 

 

»Aua, Mama, das tut weh!«, protestierte ich lautstark und versuchte meinen Kopf wegzudrehen.      »Was glaubst du wohl, wie wir sonst deine Haare gezähmt bekommen!«, sagte meine Mutter und nahm wieder die Haarbürste in die Hand. 

 

Als ich klein war, bürstete meine Mutter meine Haare jeden Tag so fest und so lange, bis sie keinen einzigen Knoten, geschweige denn eine Locke, mehr sah oder fühlte. Dann nahm sie einen feinen Kamm und fügte akribisch von vorne in der Mitte meiner Stirn bis nach hinten in meinen Nacken den perfekten Mittelscheitel und teilte meine Haare in zwei gleichmäßige Hälften. Einmal in der Woche ließ sie ein paar Tropfen Senfkörneröl in ihre linke Hand herabfallen, rieb ihre Handflächen aneinander, um das Öl warm werden zu lassen und massierte es Strähne für Strähne in meine Haare. Danach bekam ich immer eine rekordverdächtige Kopfmassage. Anschließend nahm meine Mutter zunächst die eine und dann die andere Hälfte meiner Haare und teilte sie nacheinander in drei gleichmäßige Bündel, um sie zu flechten. Es zog und ziepte an meiner Kopfhaut, und im Nu waren zwei Zöpfe geflochten. 

 

Als mein Vater hereinkam und meine leicht abstehenden und etwas gekringelten Zöpfe sah, sagte er zu mir: »Na, meine kleine Pippi Langstrumpf!« 

Und Pippi fand ich toll! Es gab Zeiten, da wollte ich selbst wie Pippi Langstrumpf sein, die ein ganzes Pferd über ihrem Kopf alleine tragen konnte, den Spunk erfand, sich von keinem was einreden ließ, denn 2 mal 3 macht 4! Pippi Langstrumpf hin oder her, für meine Mutter war es wichtig, dass meine Haare lang und glatt wurden, wie das pakistanische Ideal es einer Frau vorschrieb. Meine Großmutter hatte es mit ihren Haaren ja genauso gemacht. 

Ich verbrachte meine Kindheit in Bonn-Bad Godesberg behütet und mit Frohsinn. Zu Hause sprachen wir Urdu. Deutsch lernte ich im evangelischen Kindergarten und von unserer Nachbarin, Frau Umseher. Wir wohnten in einer Gegend, wo das multikulturelle Miteinander alltäglich war. Die Schule machte mir Spaß. Und da meine Eltern mir bei den Hausaufgaben nicht selber helfen konnten, schickten sie mich zum Silentium der evangelischen Kirche in unserem Viertel. Mein Vater war Arbeiter und meine Mutter Hausfrau. Später war ich es, die meinen Eltern half – besonders wenn es darum ging, Formulare auszufüllen. Und wenn ich mal nicht weiter wusste, dann lief ich halt zu Frau Umseher. Sie half mir immer weiter. 

In der vierten Klasse fragte mich meine Klassenlehrerin, auf welche weiterführende Schule ich denn gehen würde. Ich nannte den Namen einer Realschule für Mädchen, die sich in der gleichen Straße befand wie unser Zuhause. Aus der Sicht meiner Eltern war dies natürlich sehr praktisch. Damals kannten sie sich noch nicht so gut mit dem deutschen Bildungssystem aus. Meine Klassenlehrerin, Frau Berner, faltete ihre Hände zusammen und sagte: »Nusrat, wir finden für dich eine andere Schule.« 

 

 

Ebru Taşdemir

Auszug aus dem Text: „Schweinefleisch“

 

Es ist 1992, im Frühjahr. Ich bin fast achtzehn, es ist Samstag, und der Himmel ist grau in Berlin-Marienfelde. Ich habe gerade mal so mein Abi bestanden und brauche zum Mich-erwachsen-fühlen noch einen Führerschein. Aber: keine Pappe ohne diesen verfluchten, sechsstündigen Erste-Hilfe-Kurs am Wochenende. Sechs Stunden langweiligste Theorie in der Kiez-Fahrschule warten auf mich. Ich stolpere also in den stickigen kleinen Raum mit den anderen Teenagern hinein. Ich stolpere wirklich, denn am Boden übt ein Typ an einer lebensgroßen Puppe die stabile Seitenlage. Ich knalle also hin, er hilft mir auf, und just in diesem Moment legt er mein Herz leider in die instabile Seitenlage. Er heißt Michael, wie er mir später erzählt, und wird mein erster deutscher Fastfreund. 

 

Michael und ich tauschen Telefonnummern aus. Es sind die letzten Tage im Ramadan, und meine Eltern sind glücklicherweise an jedem Abend zum Fastenbrechen eingeladen. Ich nutze die elternlose Zeit für die Telefonate mit Michael und hänge dann noch fast das ganze Ramadanfest hindurch an der Strippe. Unser Telefon steht im Flur, das Kabel reicht bis gerade einmal kurz hinter meine Zimmertür, die ich somit nicht mehr schließen kann, und ich knie mich stundenlang auf den Boden, um mit diesem Jungen zu reden. Meine Mutter schwirrt ungelogen alle fünf Minuten ins Zimmer, zieht die Augenbrauen in die Höhe und zeigt auf die gefühlt fünftausend Besucher in unserem Wohnzimmer, die auf Tee und Baklava warten und geht entnervt wieder ab. Als es meiner Mutter reicht, droht sie damit, das Telefonkabel aus der Steckdose zu ziehen. Sie redet dabei nicht sanft wie Michaels Mutter, die auch ab und zu im Hintergrund zu hören ist. Meine Mutter brüllt. Aa bırak artık şu telefonu ya, bayramlık ağzımı açtırma! Çekcem şimdi fişini görürürsün gününü! Ihre Stimme überschlägt sich und kippt ins Schrille. Michael fragt, ob wir morgen ins Kino wollen und wir machen einen Treffpunkt in Steglitz aus. Ich lege auf und serviere brav Tee und Gebäck, der nächste Tag muss ja gerettet werden. 

Robert de Niro spielt in Kap der Angst einen tätowierten Psychopathen, und Michael legt an der schlimmsten Stelle im Film seinen Arm um mich, meine Mutter redet nicht mit mir, und ich versuche, nicht allzu verknallt auszusehen. Ist der Film eigentlich scheiße oder gut? Auf jeden Fall zu kurz. Als die Lichter angehen, tropfen wir mit den anderen drei Gestalten in den Frühlingstag und stehen kurz darauf an der bekanntesten Bratwurstbude in Steglitz. Michael bestellt. Ich schaue mich um. 

»Willst du nix essen?«

»Nö« antworte ich. 

Er beißt in die Bratwurst. Dann stellt er die Frage, die die Geigen in meinem Kopf verstummen lassen. 

»Warum esst ihr Türken eigentlich kein Schweinefleisch?« 

 

 

Shlomit Tulgan

Auszug aus dem Text: „Die Türken-Göre“

 

Um meine Kindheit im West-Berlin der Siebziger Jahre zu beschreiben, muss ich mit der Kindheit meiner Eltern im Istanbul der Fünfziger Jahre beginnen. Freud würde mir jetzt nickend auf die Schulter klopfen. Obwohl beide aus Istanbul kamen und ähnliche ethnische Hintergründe hatten, verlief ihre Kindheit sehr unterschiedlich. Mein Vater war bis zu seinem 16. Lebensjahr und der späten Geburt meines Onkels ein wohl behütetes Einzelkind, dessen Kindheit in Isolation und unter strenger Bewachung meiner Großmutter verlief. Hinter den Gartenmauern eines großbürgerlichen Hauses bestand sein Alltag nach dem deutschsprachigen Schulunterricht aus Geigenunterricht, Bücherlesen und unterschiedlichen wissenschaftlichen Projekten. Die Kindheit meiner Mutter bestand darin, dass sie auf ihre fünf jüngeren Geschwister aufpasste und später bei ihrem Vater im Laden aushalf. 

Bevor meine Mutter in den Zug nach Deutschland stieg, machte sie einen letzten Spaziergang und sah sich die Villen der Istanbuler Oberschicht am Bosporus an. In ihren Gedanken verabschiedete sie sich von ihrer Heimat mit einem Wunsch. Zum Zeitpunkt ihrer Rückkehr sollte es keine reichen Menschen mehr in Istanbul geben. Doch sie kehrte nie zurück, und die Reichen leben noch heute in ihren Villen am Bosporus. 

Auf einer Anti-Vietnam-Kriegs-Demo lernte sie einen jungen Elektro-Technik-Studenten kennen. Er kam wie sie aus Istanbul, sprach aber fast perfekt Deutsch und musste nicht wie sie bei Telefunken am Fließband arbeiten. Er lebte auch nicht wie sie in einem Arbeiterwohnheim mit sechs Kolleginnen in einem Zimmer, sondern in einem Studentenwohnheim mit Einzelzimmer.

Dieser Student war mein Vater. Am selben Tag wurden die beiden von Wasserwerfern der Polizei durchnässt und trockneten sich später in seinem Studentenwohnheim ab. Ich weiß nicht wem ich meine Existenz mehr zu verdanken habe: den Wasserwerfern – oder den türkischen Freunden meiner Eltern, die die beiden verkuppelten. 

 

 

KORAY YILMAZ-GÜNAY

Auszug aus dem Text:«Vielleicht gehörten unsere Leben nicht immer uns, aber 

die  Toten waren immer unsere Toten» (Mario Levi)



Das Oberlandesgericht in der Münchner Nymphenburger Straße. Ein Zelt, drei Durchlässe: für die akkreditierte Presse einer, rechts außen. In der Mitte die Bevölkerung, die dabei sein können soll. Für wen ist der linke Durchlass reserviert, in dem niemand in der Schlange steht? Wer steht da sonst, wer fehlt heute? Ich bin das erste Mal hier. Also direkt vor dem Gerichtsgebäude. Ich gehöre nicht zur akkreditierten Presse. Ich denke, dass ich auch nicht durch den linken Durchlass gehen sollte. Ich stelle mich also in der Mitte.

Ein Schild weist meine Zugehörigkeit zu genau dieser Gruppe und mein Interesse als legitim aus. Es scheint, ich repräsentiere die Bevölkerungsmehrheit, die hier zuhören können soll. Die hören soll, wie gut sie es hat.

Was natürlich einer gewissen Sonderheit nicht entbehrt.

Der Prozess, dem ich beiwohnen werde, geht gegen fünf Personen, die solche wie meinen Vater, meine Onkel ermordet haben. Menschen wie mich, der ich kein Jugendlicher mehr und noch kein Alter bin, genau im richtigen Alter also.

Bam-bam. Kopfschuss. Acht Schüsse, sechs davon in den Kopf.

– Die Sache,

– was da passiert ist,

– der Tat-Ort,

wird der Zeuge vom Hessischen Landesamt für Verfassungsschutz später sagen. Kein Wort von Blut, kein Schmerz, keine Zuständigkeit.

Er selbst ist ohnehin seit Jahren in Rente. Kaum zu glauben, wie lang das alles schon her ist.

– Ich erinnere mich nicht.

– Jetzt, wo Sie es sagen.

– Ich weiß es nicht.

–  Das könnte unter Umständen sein.

Und diesen interessantesten aller Sätze:

– Ich sage ja jedem, wenn er weiß, dass irgendwo sowas passiert, bitte nicht vorbeifahren.

Er sagt nicht:

– Ich sage ja jedem, wenn er weiß, dass irgendwo sowas passiert, bitte nicht töten. Bitte verhindern.

Noch schwieriger wäre es zu sagen:

– Ich bin Mörder. Wenigstens decke ich Leute, die andere ermorden. Ich lenke polizeiliche Ermittlungen. Gegebenenfalls auch in die Irre. Eins der Prinzipien, die mich und die Behörde, für die ich gearbeitet habe, in der Praxis leiten, ist dies. Das ist Teil unserer Geschäftsidee – wir begehen Morde. Umstandshalber lassen wir begehen. Wer will, hört das aus der Aussage ohnehin heraus. Manche Sachen müssen gar nicht gesagt werden. Wer es mit der Wahrheit übertreibt, hört vielleicht auf, sie zu sagen.

Es gibt – quasi selbstverständlich – auch die, die keinen Zweifel daran hegen, dass der Mann, der da sitzt, einzig und allein seine Aufgabe erfüllt hat. Es dürfte sie nicht wundern, dass er so seltsam verhüllt ist, damit wir ihn nicht erkennen.

 

Wes Brot ich schling, des Lied ich sing

 

Dieser Mensch da unten und ich sprechen dieselbe Sprache. Die einzige Heimat, die es gibt. Das hatte Mario Levi einmal gesagt, bei einer Lesung, auf die unsinnige Frage, wo er als türkischer Jude oder jüdischer Türke seine Heimat sehe.

– Meine Heimat ist die türkische Sprache,

hatte er gesagt.

So sinnvoll ließen sich unsinnige Fragen beantworten. Wie oft diese Frage ihm wohl schon gestellt worden war? Warum scheint dieses Rätsel den Fragestellenden von immer Neuem sinnvoll? Wo kommst du her? Wo gehörst du hin?

Dieser Mann da unten im Gerichtssaal – ich möchte ihn schamlos nennen, aber in gewisser Hinsicht tat er ja wirklich nur, wofür er eingestellt worden war –, dieser Mann und ich teilen eine Heimat. Dieselbe Sprache. Und doch hausen wir ganz woanders. In anderen Welten. Lohnt es sich zu fragen, was dem Zeugen seine Worte wirklich bedeuten? Das würde mir die Frage beantworten, was sie mir bedeuten.

Seit einiger Zeit bin ich nah am Wasser gebaut. Das ist eine seltsame Formulierung, ich weiß. Denn «gebaut» bin ich vor viel längerer Zeit auf sehr solidem Grund. Durch Zuschüttungen und Festtrampelungen befindet sich der Grund ganz und gar nicht nah am Wasser. Selbst das Grundwasser ist abgesunken, vor langer Zeit. Und doch ist mir nach Weinen.

Die ganze Zeit.

Der Widerspruch steckt im Grund. Und da rumort es, ganz selbstbestimmt. Das Wasser kommt genau dann, wenn und wann es selbst das will. Meine Sicherheitsmaßnahmen scheren es nicht. Die Wörter meiner Heimat, dieser Sprache, beschreiben nicht mich, sondern sich. Und sie beschreiben sich immer dann und immer so, wie sie es gerade wollen. Meist kommen sie aus dem Mund eines anderen, manchmal sogar aus dem Mund eines, den ich gern schamlos nennen würde. Wieso sollten die Worte gerade mich fragen, wo sie herkommen sollen. Ich bin in diese Sprache schließlich nur hineingewachsen. Ich habe meine Einbürgerung in sie beantragt.

Noch heute laufe ich den Worten meiner Sprache hinterher. Sie waren vor mir da und sie werden nach mir da sein. Ich kann nicht ich sein, so wie ich mich meine. Selbst beim aller besten – also beim aller naivsten – Willen. Ich war es nie. Es gibt dieses Ich nicht. Das, was dieser Sprache ihr «Ich» und «Mich» sein könnte, ist mir im besten Fall ein fremdes Uns. Das Ich meiner Heimat ist heute ein Er, das einst in Hessen die Verfassung schützte. Das zeigen mir Tage wie dieser im OLG München, Sitzungssaal soundso.

Mit all ihrer Macht. Mit all ihrer Gewalt.

Unweigerlich muss ich lachen, wenn der Zeuge vom Schutz des Amtes für die Verfassung beim aufgezeichneten Gespräch sich nach dem Wohlbefinden von Frau und Kind eines mutmaßlichen Mörders erkundigt. Oder – im besten Fall – nach dem Wohlbefinden der Familie von jemandem, der einen Mord beobachtet hat.

Ob alles gut sei, wie es so gehe.

Er erkundigt sich nicht, wie es sich lebt als einer, der beim Schützen der Verfassung zwei Meter von einem Ermordeten stand und 50 Cent für die Nutzung einer Dating-Plattform im Internet auf den Tresen legte und ging, während der Betreiber noch atmete. Der noch atmete, obwohl sein Tod vor langer Zeit konzessioniert war.

 

 

Miguel Zamorano

 

Meine Eltern  waren die perfekten Gastarbeiter; die Zuwanderer, die sich einige Deutsche gewünscht haben und sicherlich insgeheim immer noch wünschen. Meine Vater kommt aus Chile und meine Mutter aus Ecuador, und was beide unisono stets wiederholten, damals in den 1980er Jahren in Dortmund, das war der Wunsch zurückzukehren. Zurück in die lateinamerikanische Heimat. Dortmund schien immer nur ein Zwischenstopp zu sein. Eine Station, um Geld zu verdienen, um etwas Wohlstand anzuhäufen und dann in der Heimat etwas Neues aufzubauen. Mit dieser Sehnsucht bin ich aufgewachsen; meine Mutter und mein Vater haben uns Kinder damit genährt, wir sind mit diesem Wunsch in unseren Köpfen und in unseren Herzen groß geworden.