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07.02.2018

Heinrich Böll Stiftung

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Ferda Ataman


Auszug auf dem Text: „Meine Kindheit in Nürünberg“


Als ich drei Jahre alt war, haben meine Eltern sich scheiden lassen, mit großem Drama und vielen Richtern, am Ende bin ich als Einzelkind mit meiner Mutter zurück geblieben. Meine Schwester wurde zum Kofferkind und lebte viele Jahre in der Türkei.
 

Meine Mutter und mich hatte es 1983 nach Nürnberg verschlagen, oder Nürünberg, wie wir Türken unsere Stadt nennen. Der Ort, an dem ich sozialisiert wurde, heißt Plärrer – im Volksmund BLÄRRÄ und bei uns – weil Türken sich schwer tun, zwei Konsonanten hintereinander auszusprechen – Pilari. 
Mein bewusstes Leben in der „fränkischen Metropole“ begann mit vier Jahren. Und bis ich 18 Jahre später wegzog, fiel es mir schwer, mich von der imposanten Persönlichkeit meiner Mutter zu emanzipieren.

Mit ihr waren wir immer „anders“:

    ·    anders als andere Türken (wir trennten Müll),

    ·    anders als andere Familien (wir waren zu zweit),

    ·    und anders als andere Frauen (selbstbestimmt und unabhängig).

Meine Schulbrote musste ich mir selbst schmieren und meine Mutter, die zwei Jobs hatte, kochte Sonntags einen riesigen Eintopf, den ich solange essen musste, bis er alle war – was praktisch nie vorkam – oder schlecht wurde.

Und als wäre das nicht schon hart genug, erzog sie mich zu einem frühpolitischen Kind. Ich wuchs auf Demonstrationen auf.

Meine Freunde waren oft Erwachsene, links-alternative Grüne, marxistische Kurden und sozialistische Türken, die aus politischen Gründen aus ihrer Heimat geflohen waren. Ich trug Wollpullis stack Micky Mouse-Shirts und musste Gemüse essen statt Fischstäbchen.

Erst Jahre später, in Berlin, habe ich erkannt, wie sehr mich diese Kindheit geprägt hat und welche Chancen meine Mutter Hülya mir eröffnet, die andere Kinder aus meinem Viertel nicht hatten.

Damit Sie sie sich vorstellen können, will ich zwei Geschichten erzählen, denen ich beiwohnen durfte.

Meine Einschulung 1986 begann mit einem kleinen Eklat. Meine ständig unter Strom stehende Mutter machte gerade ihren Jahreshausputz und wischte die Fenster, als sie plötzlich bemerkte, dass der Termin zur Anmeldung in der Grundschule schon an diesem Nachmittag ablief. Den durfte sie unter keinen Umständen verpassen, sie hatte sich so bemüht, mich umzumelden, damit ich nicht in die Gettoschule ums Ecke komme.

 



Çiçek Bacik

 

Auszug aus der Erzählung: „Der rote Traktor“

 

Neun Jahre lang rührte sich gar nichts; Anfang der 1970er Jahre reichte er ein Gesuch beim Anwerbebüro ein, um nach dem Stand seiner Bewerbung zu fragen. In einem Brief wurde ihm mitgeteilt, dass noch 9.000 Personen vor ihm waren. Als er die Hoffnung aufgegeben hatte, erhielt er einen weiteren Brief mit dem Termin, zu dem er sich wieder in Istanbul einzufinden hatte. Der Termin war bereits am Vortag verstrichen. Ibrahim vermutet, dass ihm die Einladung von der Post später überreicht wurde, weil er in einem alevitischen Dorf lebte, das den mehrheitlich sunnitisch geprägten Bewohnern Tokats und seiner Provinzen ein Dorn im Augen war.

Er machte sich trotzdem auf den Weg und schlug zwei Tage nach seinem offiziellen Termin im Istanbuler Anwerbebüro auf.

Er stand nun vor einem viergeschossigen grauen Gebäude in Topkapı. Sein Herz raste als er es betrat. In der Wartehalle begegnete er zahlreichen jüngeren Männern und Frauen, die zur Gesundheitsprüfung dort erschienen waren. Einige gingen im Gang auf und ab. Andere saßen mit angespanntem Gesicht auf der Bank. Andere rauchten vor Nervosität vor dem Gebäude. In der Halle herrschte eine große Unruhe.

Einer Beamtin schilderte er seine Situation und erzählte ihr, dass er die Benachrichtigung später erhalten habe.

 

Die Dame im Anwerbebüro beauftragte ihn, schnell eine Briefmarke zu besorgen: „Sobald ein Platz hier frei wird, wirst Du berücksichtigt!“

Da Ibrahim das Vertrauen an seine Provinzstadt Almus verloren hatte, hinterließ er diesmal im Anwerbebüro die Adresse seines Bruders, der inzwischen nach Istanbul gezogen war.

Nach 45 Tagen erhielt er einen Brief, in dem er zu einer Gesundheitsprüfung eingeladen wurde.

Zahlreiche andere junge Männer und Frauen warteten in der Halle darauf, sich einer Gesundheitsprüfung zu unterziehen. Er wartete zwei Stunden, bis er aufgerufen wurde.

Als er den Raum betrat, fiel sein Blick auf ein Poster an der Wand, auf dem ein roter Massey Ferguson abgebildet war.

 

 „Wenn ich nach Deutschland gehe, werde ich einen roten Traktor kaufen!“ sagte er sich.

Die Worte eines Mannes im weißen Kittel rissen ihn aus seinem Tagtraum. Ein Arzt mit grauen Haaren blickte ihn durch eine quadratisch geformte Brille streng an: „Elbiselerinizin hepsini çıkartın!“ – „Ziehen sie alle ihre Kleidung aus!“. Er tastete seinen gesamten Körper ab, untersuchte seine Augen, Ohren, seine Zähne. Auch eine Urinprobe musste er abliefern.

Einige Männer, die zur Urinprobe gerufen wurden, waren vor Aufregung nicht in der Lage, Harn abzudrücken.

Die Ergebnisse der ersten Röntgenaufnahme, die an einem Freitag gemacht wurde, versetzen Ibrahim einen Schreck:

„Tut uns sehr leid. Ihre Untersuchungsergebnisse waren nicht in Ordnung.“ Am nächsten Montag sollte er ein zweites Mal geröntgt werden.

Er hielt inne: „Oh weh! Ich werde wohl nicht nach Deutschland gehen können und obendrauf bin ich auch noch krank...wie soll ich mich bloß behandeln lassen???“

Am Montag darauf wurde  er mit weiteren 24 Männern ein zweites Mal geröntgt: Einigen starken robusten Männern, die in der Lage waren, ihn auf einem Zahn zu tragen, sagten sie: „Nein, Sie können nicht nach Deutschland!“

Manchen anderen antworteten sie: „Kommen sie nach drei Monaten wieder!“ oder „Kommen sie nach sechs Monaten wieder!“ Als letzter kam er an die Reihe. Ein Beamter schlug ein Buch auf und forderte ihn auf, einen Satz daraus zu lesen: „Ben bu ülkeden gidiyorum!“  - „Ich verlasse dieses Land!“

Er zitterte vor dem Ergebnis bis ihm die Ärztin mitteilte: „Bunun işi tamam.

Bunu aşağı sevk edin.“ - „Der ist ok. Schicken Sie ihn nach unten.“ Ibrahim war glücklich und zugleich erleichtert. Wenn sie ihn nach Deutschland ließen, konnte an seiner Gesundheit nichts Ernsthaftes auszusetzen sein.

 



Zoran Terzić

 

Ausschnitt aus dem autobiografischen Essay „Farbtheorie"

 

Wenn ich die Augen schließe, erstrahlen die 1980er Jahre neonfarben. Wenn ich die Augen öffne, sehe ich unser fahles fränkisches Dorf. Das Fahle wurde damals immer dann noch fahler, wenn die älteren deutschen Aboriginees aus ihren Häusern ins Licht traten und Farbe bekannten. Ein graues Heer von Mittsechzigern säumte während der Dorfumzüge die Straßen. Die Männer trugen das auf dem Land herrschende Fichtennadelgrün oder ein dezentes Kälberbraun. Hin und wieder sah man zu feierlichen Anlässen ein SS-Schwarz oder ein Graubraun in Form von Jägeranzügen aus dickem Filz, die die Männer wie Kriegerdenkmäler wirken ließ. Man hätte ihnen einen Fichtennadelkranz zu Füßen legen können, und es wäre nicht aufgefallen. So denkmalhaft standen sie da. Und die fränkischen Aboriginee-Frauen mit ihren gekrausten Kurzhaarfrisuren ruhten neben ihnen wie Ruinen. Nur in ihren weißen Locken sah man bisweilen ein Eisblau oder Violett aufleuchten. Die Männer repräsentierten den deutschen Wald, den Jägerwald, den Kampf mit dem Hirsch. Die Omas standen für das entsexualisierte Subjekt, das traute Heim. Und ihre Männer sublimierten den Trieb im Gewehr und dem Erlegen eines gehörnten Tieres.

 

Alle waren in der gleichen Weise Geknechtete ihrer Farben, in der sie andere zur Farbknechtschaft erzogen, und sie trugen ihre Farben von Generation zu Generation. Der grüne Jägerhut von 1933 passte auch 1989 auf den Kopf. Es herrschte Farbzucht. Ein Baum, der orangene Boy-George-Fichtennadeln hervorgebracht hätte, wäre sofort grün gefärbt worden. Zahllose Umfärbungen schafften die Kulturfarbe. Aus der gegenseitigen Bestimmung von Natur und Kultur erwuchs ein universelles Grünbraun als Grundstimmung dieser Umgebung, in der wir immerhin 20 Jahre verbrachten. Es waren bäuerliche, vergangene Farben, und sicherlich war nicht alles schlecht in Kirchenlamitz, nur die Farben passten nicht in die 1980er. Und vielleicht passten sie in keine Zeit. 

 

Das Problem wurde eminent, als eines Tages eine jüngere Stadträtin vorschlug, dem gerade renovierten Rathaus eine neue Farbe zu verpassen. Da die Stadträtin die Frau des hiesigen Porzellanfabrikanten war, hatte ihr Vorhaben Gewicht. Das Rathaus war ursprünglich fahl-ocker, es war immer fahl-ocker gewesen, und nun wollte die Stadträtin es in ein Zinnoberrot färben. Ein Skandal! Die Farbe mutete Vielen fremd an. Kirchenlamitz schaffte sich ab. Die neue Farbe fiel wie ein Fremder ein und drohte das Rathaus und Kirchenlamitz selbst zu entstellen. Über Monate zogen sich die Streitigkeiten hin. Schließlich aber siegte das Rot über das Ocker, die Stadträtin über die Verwaltung, der Fabrikant über die Stadt, die Vernunft über die Kultur. Das Rathaus wurde rot und hat 30 Jahre später immer noch dieselbe Farbe – ich war kürzlich vor Ort, um zu kontrollieren. Rot ist das neue Ocker. Umfärbungen sind in dieser Gegend genauso selten wie politische Wechsel. Das Verhältnis von Farbigkeit zu Politik war in den 1980er Jahren ebenso bestimmt, wie es im Staatssozialismus mit seinen bunten Paraden gewesen war. Nur wirkte es im Sozialismus ‚unnatürlicher‘, weil es dort nicht um natürwüchsige Farbgebung ging. Vielleicht erklärt Farbe mehr über Politik als es der politische Diskurs vermag.

 



Miguel Zamorano

 

Meine Eltern  waren die perfekten Gastarbeiter; die Zuwanderer, die sich einige Deutsche gewünscht haben und sicherlich insgeheim immer noch wünschen. Meine Vater kommt aus Chile und meine Mutter aus Ecuador, und was beide unisono stets wiederholten, damals in den 1980er Jahren in Dortmund, das war der Wunsch zurückzukehren. Zurück in die lateinamerikanische Heimat. Dortmund schien immer nur ein Zwischenstopp zu sein. Eine Station, um Geld zu verdienen, um etwas Wohlstand anzuhäufen und dann in der Heimat etwas Neues aufzubauen. Mit dieser Sehnsucht bin ich aufgewachsen; meine Mutter und mein Vater haben uns Kinder damit genährt, wir sind mit diesem Wunsch in unseren Köpfen und in unseren Herzen groß geworden.